Guido Reil im Gespräch: „Obdachlose sind nicht sexy, haben keine Kulleraugen und riechen oft streng!
Guido, du hast in deinem Buch geschrieben: „Obdachlose sind nicht sexy, haben keine Kulleraugen und riechen oft streng.“ Das erklärt, warum Obdachlosigkeit ein Tabu-Thema ist. Wieso interessierst du dich dafür?
=> Auslöser war für mich das Schicksal von Elvira Nagel, besser bekannt als Elli. Sie ist kurz nach Weihnachten 2016 in der Düsseldorfer Innenstadt erfroren. Als ich das in der Zeitung gelesen habe, war ich geschockt und wollte wissen, wie das möglich war, dass so etwas bei uns in Deutschland passiert – und dann auch noch in Düsseldorf. Ich bin also hingefahren und habe nach Leuten gesucht, die Elli gekannt hatten. Ich habe viele Leute getroffen, die meisten waren selbst Obdachlose. Sie haben mir von Elli erzählt, die sehr beliebt gewesen war, und von ihren eigenen Geschichten. Das hat mich bis heute nicht losgelassen. Ich hatte immer geglaubt, dass in Deutschland niemand auf der Straße leben muss, dass die Leute selbst schuld seien. Ich hatte keine Ahnung, wie kurz auch bei uns der Weg in die Obdachlosigkeit ist und wie lang der Weg zurück.
Wie sieht er denn aus, der kurze Weg in die Obdachlosigkeit? Wie kommt es, dass bei uns Menschen auf der Straße leben?
=> Obdachlos wird man, wenn die Struktur im Leben zusammenbricht, wenn eine Beziehung zu Ende geht oder der Partner oder ein naher Angehöriger stirbt, wenn ich den Job verliere und dann vielleicht noch selbst krank werde. Und ganz gefährlich wird es, wenn ich dann auch noch eine Depression und eine Sucht entwickle, weil ich gerade nicht klar komme. Dann kümmere ich mich um nichts mehr, öffne keine Briefe mehr und plötzlich ist die Wohnung weg. Wäre ich auf ein Amt gegangen, wäre nichts passiert. Aber dazu war ich nicht mehr in der Lage.
Und wenn die Wohnung erst einmal weg ist, ist es extrem schwer, wieder eine zu bekommen. Jeder normale Vermieter denkt sich doch: Moment, was ist das denn für einer?
Ein Beispiel: mein Freund Marc, von dem ich auch im Buch schreibe. Seine Freundin hat ihn rausgeschmissen. Er hatte schon den Mietvertrag für die neue Wohnung unterschrieben, aber dann wollte die alte Dame doch nicht ausziehen, deren Wohnung er übernehmen wollte. Er wollte nicht unhöflich sein und auf sein Recht bestehen und dachte sich anfangs, egal, penne ich halt bei Freunden. Es hat Jahre gedauert, bevor er wieder eine eigene Wohnung hatte.
Du engagierst dich sehr für Obdachlose. Was konkret machst du?
=> Ich betreibe seit drei Jahren einen „Wärmebus“. Wir fahren herum und suchen Obdachlose auf – an festen Tagen und an festen Plätzen, so dass die auch wissen, wann wir wo sind. Wir bieten warme Getränke und Snacks an, Schlafsäcke und Decken. Das Wichtigste ist aber, dass wir mit ihnen reden und sie ernst nehmen.
Stört es die Obdachlosen, dass ihr von der AfD seid?
=> Das stört die kein bisschen. Das lassen wir aber auch nicht groß raushängen. Sie kriegen es zwar mit, aber es stört sie nicht. Wen es dagegen stört, sind die Sozialverbände. Die stört es gewaltig. Ich habe schon erlebt, dass die Betreiber von Notunterkünften den Obdachlosen verboten haben, zu uns zu kommen und sich einen Kaffee zu holen oder einen Plausch zu halten. Die sind dann natürlich trotzdem gekommen, aber ich fand es bitter, dass Sozialverbände zu solchen Methoden greifen und ihre eigene Kundschaft einschüchtern wollen.
In Finnland hat die Obdachlosigkeit in den letzten zwölf Jahren um fast vierzig Prozent abgenommen und ist damit das einzige Land in der EU, in der die Zahlen für Obdachlose nicht explodieren. Was machen die Finnen besser als wir?
=> Die Finnen machen „Housing First“, d.h. sie haben billige Häuser gebaut und die Obdachlosen direkt einziehen lassen. Alles andere, Behördengänge, Arztbesuche, Therapie, Formulare usw. kam später.
In Deutschland machen wir das andersherum. Erst musst du dein Leben auf die Reihe kriegen und dann kannst du anfangen, nach einer Wohnung zu suchen. Das funktioniert so nicht. Dazu sind die wenigsten in der Lage. Wer jahrelang auf der Straße gelebt hat, krank ist, oft auch abhängig ist, der braucht in der Regel eine intensive Betreuung und zwar rund um die Uhr. Er braucht im Prinzip das, was bei uns die minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlinge bekommen. Jeder minderjährige, unbegleitete Flüchtling kostet uns etwa 5.000 Euro im Monat. Das ist bei uns kein Thema. Das machen wir gerne. Aber ein deutscher Obdachloser ist uns das nicht wert.
Das Gespräch führte unser Pressesprecher Tomasz M. Froelich.
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Hier spricht Guido Reil in unserem Blick auf Brüssel über sein Buch: